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Überlegungen zum Verhältnis von Medizin und Geisteswissenschaft

Juni 10, 2014

(Artikel zum ersten Abend der Veranstaltung INTERFERENZEN)

Im Folgenden werde ich Stellung zum Verhältnis von Geisteswissenschaft und Humanmedizin nehmen. Der Reiz dabei scheint mir die Erkenntnisbewegung zu sein, die sich aus der Spannung ergibt, ausgehend von einer unbestimmten Differenz den Weg zu gehen zu einer spezifischen Bezugnahme und zurück zu einer nunmehr durchdachten Differenz – von einem bloßen Staunen zu einem bedachten Toleranz.
Die Auftraktveranstaltung der Vortragsreihe INTERFERENZEN (http://etal.org/interferenzen/) trug den Titel Das Tier als Modell – Analogien und Skalierung. Einerseits handelte es sich um einen Vortrag zum Tierverständnis und -experiment im 17. und 18. Jahrhundert. Justin Smith verortete den Schwerpunkt seines Vortrags bei G. W. Leibniz und (unter anderem) dessen Ablehnung der cartesischen Vorstellung der Tiermaschine. Andererseits stellte Yangfan Peng verschiedene aufeinander bezogene Ebenen aktueller Laborforschung zum Thema Gedächtnis vor, die von makroskopischen bis mikroskopischen, von Verhaltensexperimenten mit Mäusen, bis zu elektrischen Ableitungen einzelner Nervenzellen des Gehirns reichen.
Die Schwierigkeiten beide Vorträge miteinander in Verbindung zu bringen zeigte sich insbesondere an den Problemen, mit denen wir uns konfrontiert sahen. So gewann ich im Gespräch zwischen und nach den Vorträgen den Eindruck, dass beim tendenziell den Natur- und Lebenswissenschaften nahestehenden Publikum die Bedeutung der Fragestelle nach der Existenz der Seele als rein historische Frage eingestuft wurde, die nichts mit dem heutigen medizinischen Verständnis von Leben zu tun habe. Andererseits fiel mir – als aus den Geisteswissenschaften kommend – auf, mit welcher Leichtfertigkeit der Begriff der Analogie auf Seiten der empirischen Forschung angewendet wird.
Ich bin der Ansicht (und nach meinem Verständnis‘ trifft dies auch den Anspruch der Vortragsreihe), dass wir es nicht dabei belassen müssen, uns gegenseitig zu bestaunen, wie Tier und Mensch im Zoo, bei denen man sich durchaus Fragen kann, wer eigentlich wen gedankenloser anschaut. Dies ist kein neuer Anspruch, wer Brechts Glotzt nicht so romantisch! kennt, weiß, dass es eines der zentralen Themen der Neuzeit überhaupt ist.1 Was im brechtschen Theater der Verfremdungseffekt, möchte ich im Folgenden auch für den Abend im Tieranatomische Theater versuchen anzubieten… Ich werde dabei auf die zwei bereits genannten Schwierigkeiten eingehen, den Status der Seele und die Frage nach der Analogie.
Was ist eine Analogie?2 In der am weitesten gefassten Bedeutung, handelt es sich dann um eine Analogie, wenn zwei Objekte (bzw. Objektsysteme) in einer oder mehreren Hinsichten miteinander verglichen werden. Dabei teilen die Relata des Vergleiches einige Merkmale, hinsichtlich denen sie als ähnlich bezeichnet werden. Andere Merkmale sind nur von einem der Relata bekannt. Die Analogie besteht nun darin, auf Basis jener Merkmale, die beiden Relata gemein sind, zu schließen, dass das bekannte Merkmal des einen Objektes sich auch beim zweiten Objekt ebenfalls findet. So handelt es sich beim folgenden Schluss um einen Analogie:
Sowohl die Erde (Obj1) als auch der Mars (Obj2) kreisen um die Sonne. Beide besitzen Monde, und drehen sich um die eigene Achse. Zusätzlich existiert auf der Erde Leben, was hinsichtlich des Mars‘ nicht geklärt ist. Unter Verweis auf die hervorgehobenen Gemeinsamkeiten beider Planeten legt der Analogieschluss nun die Behauptung nahe, dass auch auf dem Mars Leben existiert bzw. existieren könnte.
Das Beispiel zeigt, dass Analogien unterschiedlich „stark“ sein können. Denn schnell lassen sich verschieden Merkmale beider Planeten finden, die es wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen, dass Leben auch auf dem Mars existiert bzw. existieren könnte (Der Mars besitzt Wasservorkommen bzw. hat eine andere Entfernung zur Sonne, eine andere Beschaffenheit der Atmosphäre etc.). Umso mehr gemeinsame Merkmale beider Planeten gefunden werden, desto wahrscheinlicher wird der Analogieschluss; mutatis mutandis gilt dies für divergierende Merkmale. Ein Letztes möchte ich hervorheben. Es ist nicht die Summe der Gemeinsamkeiten bzw. Differenzen, die die Stärke des Schlusses ausmacht, sondern es kommt auch auf die Art der gemeinsamen bzw. divergierenden Merkmale an. Zum Beispiel ist es hinsichtlich der Frage nach Leben weniger von Bedeutung, ob beide Planeten dieselbe Masse besitzen, aber wichtiger ob sich Wasser auf ihnen findet. Hier ein kleines Schema zur Analogie:

Erde

Mars

Gemeinsame Eigenschaften (Prämissen)

kreist um Sonne

kreist um Sonne

besitzt Mond

besitzt Monde

dreht sich um eigene  Achse

dreht sich um eigene Achse

Analogieschluss auf Basis der      Prämissen

beherbergt Leben          →

beherbergt möglicherweise Leben

Was hat dies mit dem Abend zu tun? Yangfan Pengs Tierversuche, dies zeigte sich als Allgemeinplatz, folgen nicht einem Erkenntnisinteresse, das sich nur auf das Tier selbst bezieht. Ausgangs- und Endpunkt dieser von ihm und seinen Kolleg*innen durchgeführten Forschung ist stets der Mensch, d. h., das bessere Verständnis der Abläufe und Funktionen menschlicher Erinnerung und Gehirnaktivität – auch wenn Grundlagenforschung, um die es sich hier handelt, nur im weiteren Sinne auf den Menschen zurückführt, ist und bleibt auch sie in abstrakter Weise daran gebunden. Anders formuliert: Wir denken das Tier nicht in erster Linie als Selbstzweck, sondern als Erkenntnisquelle für den Menschen, mit denen wir nicht derlei Versuche machen wollen. Wie gesagt, dies ist ein Allgemeinplatz. (Er ist aber wichtig, weil es sich dabei um jenen Punkt der Analogie handelt, auf den ich hinaus möchte.)
Der Analogieschluss sieht schematisch so aus:

Maus/Ratte3

Mensch

Gemeinsame Eigenschaften (Prämissen)

ebendig

lebendig

besitzt Erinnerungsvermögen

besitzt Erinnerungsvermögen

Gehirn mit Hypocampus und weiteren spezifischen Gehirnregionen (z. B. Subiculum)

Gehirn mit Hypocampus und weiteren spezifischen Gehirnregionen (z. B. Subiculum)

Analogieschluss auf Basis der Prämissen

Spezifische Unter-suchungsergebnisse des Tierversuches hinsichtlich           der Konsolidierung von                   Erinnerung.                         →

Ergebnisse treffen möglicherweise auch auf den Menschen zu.

In der Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen, die Yangfan Peng mittels der Tierversuche gewinnt, verbirgt sich ein Problem. Wie bereits gesagt: Damit Analogie starke Aussagekraft hat und nicht bloß in die Nähe einer Assoziation oder Metapher rückt, müssen die zentralen Merkmale der beiden Reihen übereinstimmen. Das wird nun zum Problem: Denn ein Merkmal der Maus bzw. Ratte (das im Schema oben noch nicht eingefügt ist), blitzte während des Vortrags von Yangfan kurz auf, als er davon sprach, dass die Ratte darauf konditioniert wurde, eine Stunde unter dem Mikroskop still zu sitzen. Das Versuchstier wird behavioristisch verstanden, d. h. als eine komplexe Reiz-Reaktions-Maschine, bei der der Input und der Output in einem kausal erklärbaren Ablaufgefüge miteinander verbunden sind – sicherlich, dies ist ein weiterer Allgemeinplatz der Naturwissenschaften, der sich alleine schon aus ihrem reduktionistischen Anspruch ergibt; das Paradigma unter dem das Tier betrachtet wird und innerhalb dessen die Forschungsergebnisse entstehen, kommt dem deterministischen Verständnis einer cartesischen Tiermaschine sehr nahe. Es ist kein Geheimnis, dass die Medizin auch den Menschen bzw. seine spezifischen Funktionen in Ursache-Wirkungsverhältnissen beschreibt, um vorhersagbare Aussagen über körperliche Abläufe und menschliches Verhalten zu machen – Wo also ist das Problem, von dem ich die ganze Zeit spreche?
Legt man auch bei der Betrachtung des Menschen das Modell der Tiermaschine zugrunde, lässt sich – vorausgesetzt man erweitert den Rahmen der bisher gegebenen Eigenschaften (Prämissen) des Analogieschlusses nicht – die Frage stellen, mit welcher Begründung man Mäuse als Versuchsobjekte Menschen vorzieht, wenn doch auch letztere nichts weiter als Maschinen darstellen. Eine solche Konsequenz ist natürlich nicht akzeptabel und doch ohne weitere Argumentation aus dem bisherigen Argumentationsgang ableitbar.
Sicherlich gibt es mehrere Möglichkeiten diese Konsequenz zu umgehen, ohne sofort das Modell der Tiermaschine aufgeben zu müssen, das man bei der Betrachtung von Mensch, Maus und Ratte voraussetzt. Was nötig ist, um trotz der erwünschten Analogie zwischen Tier und Mensch eine Differenz beider aufrechtzuerhalten, die die Konsequenz des Menschenversuches ausschließt (bzw. einschränkt, denn de facto bedienen sich die Wissenschaften ihrer, bspw. in den Sozialwissenschaften oder der Medikamentenforschung), ist ein weiteres Merkmal, eine differentia specifica zwischen Mensch und Tier. Sicherlich, es gibt eine ganze Reihe historischer sowie gegenwärtiger Versuche, diese Grenze zu ziehen oder zu nivellieren und die Debatte diesbezüglich wird bis heute geführt (heute vielleicht mehr als in früheren Zeiten). Eine solche spezifische Differenz ist die theologische und in der Neuzeit auch (natur-)philosophische Behauptung, der Mensch hätte, im Gegensatz zum Tier, eine Seele.
Es spielt keine Rolle, ob man die Seele nur als heuristisches Argument heranzieht, um eine Distinktion zwischen Mensch und Tier herbeizuführen, so wie der Faden meiner Argumentation eventuell suggeriert, oder ob man die Rede von Seele in anderen Paradigmata verortet. Und es spielt auch keine Rolle, ob wir die Seele oder andere Merkmale für die Differenzierung heranziehen – Vernunft oder Sprache etwa. In jedem Fall aber zeigt sich, dass die Frage nach einer Seele oder sonst einem Prinzip der Differenzierung oder Identifikation von Mensch und Tier, durchaus auch heute noch wert ist, gefragt und diskutiert zu werden, und keineswegs ein Anachronismus längst überwundener metaphysischer Mythologie.
Andererseits ist es wert, sich zu fragen, weshalb die Behandlung von derlei Fragen (d. h. von Fragen nach der Identität oder Differenz von Mensch und Tier oder der nach der Bedeutung der Analogie) einen nur peripheren Platz in der Forschungstätigkeit der Humanmedizin einnimmt. Es spricht viel dafür, dass dies an einer grundlegenden Ausrichtung ihres Forschungsinteresses liegt. Die Humanmedizin trägt ihre Ausrichtung in ihrem Namen. Zentrum ist der Mensch, genauer noch: dessen Heilung und Wohlbefinden.4 Sie verfolgt damit konkrete Ziele, die einem idealisierten Erkenntnisinteresse, das sich einzig auf die Sache selbst bezieht, vorgelagert sind. Dies ist selbst bei der Grundlagenforschung der Fall, schon alleine dadurch, dass Forschungsgelder beantragt und damit begründet werden müssen. (Hier greift der anthropozentrische Gedanke der Humanmedizin in den sie evtl. ebenso leitenden ökonomischen Gedanken). Das heißt dann auch, dass theoretische Fragen nach der Bedeutung des Begriffs der Analogie oder der Beziehung von Tier und Mensch erst dann von Wert sind, wenn sie Steine auf dem Weg der eng gesetzten Zwecke sind, oder deren Erreichung überhaupt gefährden. Gestützt wird dies durch den positivistischen Gedanken der Falsifikation, der bei solchen Forschungsvorhaben vorausgesetzt wird. Die Bewertung der Ergebnisse und ihre Übertragung sind hypothetischer Natur und stehen jederzeit zur Disposition durch neue Untersuchungen widerlegt zu werden. Inkonsistenzen von Analogieschlüssen, die aufgrund eines zu eng gesetzten Untersuchungsbereichs entstehen (z. B. fehlende Berücksichtigung von Gemeinsamkeiten oder Differenzen bei der Auswahl der Analogieobjekte), werde dabei – vorausgesetzt sie gefährden das Erreichen der gesetzten Ziele – von Folgeuntersuchungen behandelt und mitunter ausgeräumt.
Die Geisteswissenschaft tut gut daran, den heuristischen Gedanken zu bedenken, bevor sie ihren Anspruch auf argumentative Konsistenz an Wissenschaften heranträgt, deren Selbstverständnis darauf aus ist, Untersuchungsbereiche möglichst einzugrenzen, um spezifische Zielsetzungen zu erreichen. Umgekehrt scheint es angebracht, dass eben diese Wissenschaften sich im mindesten über die Grenzen ihrer beschränkten Untersuchungsbereiche und Fragestellungen bewusst sind, und anerkennen, dass Fragen, die darüber hinaus gehen, wenn nicht für die spezifische Forschung, so doch für sie als in einem größeren Sozialgefüge eingebetteten Menschen von Relevanz sind.

 

___________________

1 Lässt man die Gitterstäbe, und deren Ausdruck eines Machtgefälles einmal beiseite, stellt sich ohnehin die Frage, welche Verhaltensform mehr einem Bestiarium gleichkommt: dem zweckrationalen menschlichen Verhalten gegenüber seinesgleichen, oder der tierischen Spezien, die gezwungenermaßen (weil alternativlos) mit ihrer Umwelt ein Gleichgewicht bilden.

2 Die folgenden Ausführungen zum Begriff der Analogie entnehme ich ihrem Sinn und teilweise ihrem Inhalt nach aus: http://plato.stanford.edu/entries/reasoning-analogy/ (Stand: 30.April 2014).

3 Die der Ratte hier zugeschriebenen Merkmale können (und sind häufig) selbst Gegenstand einer kritischen Für den Punkt, den ich hier machen werden, möchte ich sie aber vorerst als unproblematisch voraussetzen.

4 An dieser Stelle lässt sich einwenden, dass dies zwar das zentrale Begründungsmoment der Humanmedizin ist, es sich dabei aber nur um ein vorgeschobenes Interesse handelt und handlungsleitend vielmehr ökonomische Vorgaben sind. Für den hier dargestellten Gedanken ist ein solcher Einwand jedoch ohne Belang, wie sich aus dem Folgenden ergeben wird.

 

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From → Reflektionen

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